Bericht im Balver Buch 1930

Die Schutzaktion zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetals

Von Landrat Dr. Haslinde, Reichsminister a.D.
 
Wenn Jahr für Jahr Tausende das Hönnetal - von Neheim oder Iserlohn, Balve oder Menden aus - durchwandern, und sich an der Romantik dieses Tales, eines der schönsten und eigenartigsten unserer Heimatprovinz, erfreuen, so kündet ihnen eine Gedenktafel an einem mächtigen Felsblock, dem Bahnhof Klusenstein gegenüber, dass es vieler Mühen und Kosten, dass es einer Tat bedurfte, um dieses Tal vor der herandringenden Kalkindustrie zu retten und in seiner Naturschönheit für alle Zeit zu erhalten.
 
Schon seit langen Jahren waren die Heimatbehörden auf die dem Hönnetal drohenden Gefahren aufmerksam geworden; auch die Presse hatte mehrfach ihre warnende Stimme erhoben, und es nicht nur als ein Verbrechen an der Natur, sondern als einen Hohn auf den deutschen Heimatschutz bezeichnet, wenn dieses unvergleichlich schöne Tal der Industrie zum Opfer fallen sollte. Diese Gefahr wurde in den Jahren 1912 und 1913 besonders drohend und unmittelbar, als es den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken gelungen war, das gesamte östlich der Hönnetalstraße bis nach Binolen sich hinziehende Gelände mit den mächtigen, bis gegen 100 Meter emporragenden weißgrauen Kalksteinfelsen zu erwerben, um es industriell auszunützen. Mit dem Abbau der das Hönnetal umsäumenden Felspartien wäre die Schönheit des ganzen Tales für alle Zeiten vernichtet gewesen. Das musste, wenn irgend möglich, verhindert werden.
 
Da war es der damalige Arnsberger Regierungspräsident von Bake, der in Erkenntnis dieser drohenden, unmittelbaren Gefahr eine Konferenz einberief, als deren Ergebnis die einmütige Auffassung zutage trat, das längs der Hönnestraße, vom Asbecker Weg aufwärts, mindestens eine kulissenartige Felswand zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetals für alle Zeit stehen bleiben müsste. Die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke erklärten entgegenkommender Weise ihre Zustimmung, wenn Ihnen der Verlust an Steinbruchgelände im Wege des Austausches vollwertig durch Zuweisung anderweitigen abbauwürdigen Kalkgeländes im Anschluss an ihren Betrieb ersetzt werde. Zur Durchführung dieser Vereinbarung sollte eine Schutzaktion zur Erhaltung des Hönnetals in die Wege geleitet werden. Da kam der Krieg über unsere deutschen Lande, und hinderte die weiteren Arbeiten auch auf diesem Gebiete. Aber gleich nach Kriegsende wurde diese Aktion wieder lebendig, und sie wurde von allen Beteiligten trotz der über das Land hereingebrochenen ungeheuren Not und Trübsal mit umso innerer Wärme und freudigerer Tatkraft betrieben, als man gerade in den Kriegsjahren den Wert unserer bedrohten Heimat zu Recht von neuem erkannt hatte, und nun der Heimat aller Not zum Trotz mit doppelten Kräften dienen wollte. Unter Führung des Arnsberger Landrats wurde im Laufe des Jahres 1919 die Schutzaktion zur Erhaltung des Landschaftsbildes im Hönnetal zielbewusst wieder aufgegriffen und nun mit freudiger Unterstützung der Provinz Westfalen, ihrer Städte und Landkreise erfolgreich durchgeführt. Eine Denkschrift wurde in die Lande gesandt, Beihilfen wurden gesammelt, und das Schutzgelände alsdann erworben, vermessen und an den Kreis Arnsberg als Träger der Schutzaktion zu Eigentum übertragen. Mehr als 350.000 Reichsmark wurden zur Durchführung dieses Unternehmens erforderlich. Nachdem die Provinz und die Kreise Arnsberg und Iserlohn, ebenso die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke bereits namhafte Summen vorweg gezeichnet hatten, die auf über 180.000 Reichsmark ausliefen, gelang es bei dem freudigen Widerhall, den diese heimatliche Tat überall im westfälischen Lande fand, auch die übrigen großen Summen durch Beihilfen von Städten und Kreisen, industriellen und sonstigen Privatpersonen hereinzuholen.
 
Die Schutzaktion umfasste die Strecke von der Asbecker bis zur Eisborner Kreisstraße, in der die besonders schönen Felspartien gelegen sind. Es wurde hier ein Steinbruchgelände von rund 33,5 ha Felspartien von den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken durch Kauf erworben. Dieses Gelände wird allezeit als Naturschutzgebiet unberührt bleiben; es ist auch Vorsorge getroffen, dass das aufstehende Holz - zumeist herrliche Buchen - erhalten bleibt. Durch Verhandlungen mit den Eigentümern der auf der gegenüberliegenden Hönneseite und weiter oberhalb an der Hönne belegenen Steinbruchgelände ist erreicht worden, dass auch hier die das Hönnetal umsäumenden Felspartien nicht von der Industrie in Anspruch genommen werden, sondern für alle Zeit in ihrer Erhabenheit und Schönheit erhalten bleiben.
 
In dem bekannten von Levin Schücking und Ferdinand Freiliggrath verfassten Werk “das malerische und romantische Westfalen“ heißt es vom Hönnetal: “Es ist eine romantische Wanderschaft; das Tal klemmt sich immer wilder und düsterer endlich zur engen Schlucht zusammen; die schmale Hönne rauscht pfeilschnell unten über kantige Felsbrocken, aufbrodelnd und Streichwellen über den Fußweg schleudernd, bis endlich aus tiefem Kessel uns das Gebrause und Schäumen einer Mühle entgegen stürmen. Hier ist die Fährlichkeit überwunden, eine kühne, kuppge Felswand springt vor uns auf, drüben ragen die Ringmauern und Trümmer einer alten Burg, aus der ein neues Wohnhaus wie ein wohlhäbiger Pächter einer alten Ritterherrlichkeit hervorlugt, usw.". 
 
Dass dieses Tal in seiner ganzen Naturschönheit erhalten werden konnte, und nun auch weiterhin alljährlich tausenden Wanderern zur Erholung und zum Genuss dienen kann, muss alle mit hoher Genugtuung erfüllen, die damals an dieser Schutzaktion mitwirken konnten, muss alle tief erfreuen, die die deutsche Heimat mit allen Fasern ihres Herzens lieben. Wahrlich, diese Schutzaktion war praktische Heimatpflege, war wahrer Dienst an der Heimat! Dass sie in einem der dunkelsten Zeitpunkte deutscher Geschichte durchgeführt werden konnte, macht sie besonders wertvoll.