Denkschrift von Landrat Dr. Haslinde

Das südliche Gebirgsdreieck Westfalens wird durchflossen von der Ruhr mit ihren Nebenflüssen. Die reizvollen Flusstäler zwischen den hohen Bergen machen die Schönheit des Sauerlandes aus.   

Fröndenberg gegenüber mündet die Hönne in die Ruhr. Folgt man ihrem Lauf aufwärts auf der mit ihr gleichlaufenden Hönnetalstraße, so gelangt man über Menden, Lendringsen zu der alten verfallenen Burg Klusenstein und dann weiter über Binolen, Volkringhausen Sanssouci, Balve nach Neuenrade, in dessen Nähe das Flüsschen entspringt. In seinem mittleren Lauf, und zwar besonders von der Abzweigung der Asbecker Kreisstraße etwa bis Binolen, bildet es mit seinen, es eng einschließenden, hohen Kalkfelswänden eines der schönsten und eigenartigsten Täler unserer Heimatprovinz, ein Bodetal im Kleinen, das sich wie kein anderes Tal in Westfalen durch seine Romantik auszeichnet.   

Wohl fast jedem Westfalen ist das Hönnetal, wenn nicht aus eigener Anschauung, so doch zumindest vom Hörensagen bekannt und ans Herz gewachsen.   

F.J. Pieler sagt von dem Teile der Hönne, diesem "herrlichen Stückchen von Gottes Welt“, dass es "noch immer zweifellos das schönste und eigenartigste Tal des Sauerlandes und der ganzen Provinz Westfalen" sei, und in den bekannten, von Lewin Schücking und Ferd. Freiligrath verfassten Werk "Das malerische und romantische Westfalen“ heißt es mit Bezug auf das Hönnetal: "Es ist eine romantische Wanderschaft; das Tal klemmt sich immer wilder und düsterer endlich zur engen Schlucht zusammen; die schmale Hönne rauscht pfeilschnell unten über kantige Felsbrocken, aufbrodelnd und Streichwellen über den Fußweg schleudernd, bis endlich aus tiefem Kessel uns das Gebrause und Schäumen einer Mühle entgegenstürmen. Hier ist die Fährlichkeit überwunden, eine kühne kuppige Felswand springt vor uns auf, drüber ragen die Ringmauern und Trümmer einer alten Burg, aus der einen neues Wohnhaus wie ein wohlhäbiger Pächter einer alten Ritterherrlichkeit hervor lugt, usw."  

Nicht wundernehmen kann es deshalb, wenn allsommerlich große Scharen von Wanderern das Tal durchziehen, um sich an seiner Schönheit zu erfreuen. Die vor einigen Jahren durch das Tal neu angelegte Eisenbahnstrecke Menden-Neuenrade hat diesen Fremdenzuzug noch erhöht und dabei der Schönheit des Landschaftsbildes glücklicherweise nur wenig Abbruch getan. Nun haben aber die hohen, steilen Felswände die Kalkindustrie in das Tal gelockt, die sich dort im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte immer mehr ausgebreitet hat und das ganze Tal in ein böses Steinbruchgelände zu verwandeln droht. Die Schönheit des Tales mit seinem prächtigen geologischen Aufbau - den riesigen Steingebilden von der wunderlichsten Gestalt und Anordnung -, „seiner reichen botanischen Aufstellung und seinem eigenartigen Besitzer so vieler Denkmäler der Natur und frühester menschlicher Kultur“ (S.H. Schmedding: Burgen und Höhlen im Hönnetal) ist in ernsteste Gefahr gebracht, ja, ein Teil des Tales hat schon bedenklich gelitten.  

Es wurden dieserhalb im Frühjahr 1913 Zeitungsstimmen laut ("Westfälischer Telegraf", "Westfälische Volkszeitung", "Kunstwart"), die hierüber lebhafte Klage erhoben und es unter anderen nicht nur als ein „Verbrechen an der Natur", sondern als einen "Hohn auf den deutschen Heimatschutz“ bezeichneten, wenn das Hönnetal der Industrie zum Opfer fallen sollte. Es wurde dabei auf die zur Erhaltung des Siebengebirges durchgeführte Schutzaktion hingewiesen. 

Geraume Zeit vorher sind aber auch schon die örtlichen Behörden und die Regierung zu Arnsberg auf die der Schönheit des Tales drohende Gefahr aufmerksam geworden und haben, soweit es in ihren Kräften stand, durch Verwaltungsmaßnahmen und glückliche Einwirkungen dem Unheil zu steuern gesucht.  

Die größte auf diesem Wege nicht zu behebende Gefahr droht aber gerade jetzt dem schönsten Teile des Tales von einem bei der Abzweigung der Asbecker Kreisstraße in Betrieb genommenen Steinbruch der rheinisch-westfälischen Kalkwerke zu Dornap. Dieser Gesellschaft ist es gelungen, das gesamte östlich der Hönnetal Straße bis nach Binolen sich hinziehende Gelände mit den mächtigen, bis gegen 100 Meter emporragenden, weißgrauen Kalksteinfelsen zu erwerben, um es industriell auszunutzen. Mit dem Abbau der das Hönnetal umschäumenden Felspartien wäre aber die Schönheit des ganzen Tales für alle Zeit vernichtet! Das muss, wenn möglich, verhindert werden.  

Gelegentlich einer Bereisung des Hönnetales veranlasste zunächst im Mai 1913 der damalige Regierungspräsident von Arnsberg, Herr v. Bake, die rheinisch-westfälischen Kalkwerke, bis zur endgültigen Regelung eine kulissenartig, den Steinbruchbetrieb verdeckende Felswand gegen die Hönnetal Straße entstehen zu lassen und rief dann im August desselben Jahres die Vertreter der Kalkwerke und der interessierten Behörden zu einer Besprechung dieser Angelegenheit in das Hönnetal.  

Bei dieser Besprechung wurden sich alle Anwesenden darüber einig, dass in der Form Herrn Regierungspräsidenten angeregten Weise vom Asbecker Wege längst der Hönnestraße aufwärts eine kulissenartige Felswand zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetales für alle Zeiten stehen bleiben müsse. Die Vertreter der rheinisch-westfälischen Kalkwerke erklären hierzu, dass ihre Gesellschaft wohl im Interesse der Sache die hierdurch verursachte Erschwerung des Abbaus in Kauf nehmen wolle, wenn ihr der Verlust an Stein- bruchgelände im Wege des Austausches vollwertig durch Zuweisung anderweitigen abbauwürdigen Kalkgeländes im Anschluss an ihren Betrieb ersetzt werde.   

Zur Erwerbung der Ersatzflächen und zur Beschaffung der erforderlichen Geldmittel gewährten sie eine dreijährige Frist, während welcher Zeit sie die fraglichen Felspartien mit dem Steinbruchabbau verschonen wollten.  

Es wurde beschlossen, die zur Durchführung dieser Vereinbarung erforderlichen Ermittelungen vornehmen zu lassen und somit eine Schutzaktion zur Erhaltung der Schönheit des Landschaftsbildes im Hönnetal in die Wege zu leiten, deren weitere Bearbeitung der Landrat des Kreises übernahm, in dessen Kreise die infrage kommenden Flächen gelegen sind. Der Kreis Arnsberg wurde als Träger des Unternehmens vorgesehen. Das Ergebnis dieser Bearbeitung war folgendes:  

Die Schutzaktion soll sich auf die Strecke von der Asbecker bis Eisborner Kreisstraße erstrecken, in der die besonders schönen Felspartien gelegen sind; es kommt eine kulissenartige Felswand für eine etwa 700 m lange Strecke, an der Asbecker Straße anfangend, in Frage. Die Begrenzung der Kulisse wird sachgemäß erwogen, wobei auch Forstsachverständige wegen Erhaltung des auf der Kulisse stehenden Holzbestandes gehört werden. Es ergibt sich dann, dass rund 28,5 ha Felspartien (Steinbruchgelände) von den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken durch Tausch erworben werden müssen. Zu diesem Tausch geeignetes und den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken erwünschtes Gelände findet sich südlich der Asbecker Kreis- Straße im Anschluss an den Besitz der Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke, und es gelingt auch, den größten Teil der erforderlichen Ersatzflächen vertraglich sicherzustellen.   

Gleichzeitig wurde der damalige Herr Oberpräsident der Provinz Westfalen von dem Herrn Regierungspräsidenten in Arnsberg für die Schutzaktion interessiert und um die Bewilligung einer Geldlotterie zur Aufbringung der erforderlichen Geldmittel gebeten.   Leider wurde die Durchführung des Unternehmens durch den Krieg gestört. Die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke verlängerten zwar entgegenkommender Weise im Jahr 1916 die von ihnen gewährte dreijährige Frist um weitere drei Jahre, also bis 1919. Im Sommer dieses Jahres wollten sie sich aber nicht mehr länger gedulden und erklärten, aus betriebstechnischen Gründen mit dem Abbau der stehen gelassenen Felskulisse sogleich beginnen zu müssen, falls jetzt nicht das Unternehmen zur baldigen Durchführung gelange. Herr Regierungspräsident v. Bake veranlasste deshalb im August dieses Jahres eine nochmalige Zusammenkunft der Beteiligten im Hönnetal, bei der die Wiederaufnahme und möglichst beschleunigte Durchführung der Schutzaktion geschlossen wurde. Bezüglich Aufbringung der Geldmittel hoffte man wie  früher auf die Bewilligung einer Lotterie und auf namhafte Zuschüsse seitens des Kreises Arnsberg, der benachbarten Kreise und Kommunen, aber auch des Staats, der Provinz und sämtlichen übrigen Städte und Kreise der Heimatprovinz.  

Dementsprechend erklärte dann der Kreisausschuss des Kreises Arnsberg, dass es, ebenso wie früher, auch unter den heutigen Verhältnissen unbedingt Pflicht aller in Betracht kommenden Kreise sein müsse, nichts unversucht zu lassen, um der eingeleiteten Aktion zum Schulze eines der schönsten Täler unserer Heimatprovinz zu einem baldigen erfolgen zu verhelfen und trat dafür ein, dass für diesen Zweck seitens des Kreises nötigenfalls eine Summe bis zu 25.000 Mark zur Verfügung gestellt werde. Diesem Beschluss stimmte der Kreistag in seiner Sitzung vom 29 September 1919 zu.  

Die wieder aufgenommenen Arbeiten der Schutzaktion sind nun soweit gefördert, dass der Erwerb des ganzen zum Austausch mit den Rheinisch-Westfälischen Kalkwerken benötigten Geländes in Größe von 23,5 ha gesichert ist. Es ist hierzu ein Betrag von etwa 350.000 Mark erforderlich. Wenn nun der Kreis Arnsberg, in dessen Bereich, wenn auch an äußerster Kreisgrenze, die infrage kommenden Felspartien liegen, sich zur Beisteuerung einer namhaften Summe zur Durchführung dieses Unternehmens verpflichtet hat, darf wohl der Hoffnung Raum gegeben werden, dass auch die übrigen Kreise und Städte unserer Heimatprovinz, vornehmlich die Provinzialverwaltung selbst, durch erhebliche Zuschüsse das Gelingen des unternehmens finanziell sichern werden.  

Ein großer Teil der benötigten Summe dürfte allerdings wohl durch die Erträge einer  Lotterie gedeckt werden müssen.  

Dem Einwande, dass die gegenwärtigen Zeitverhältnisse, insonderheit die Finanzlage unser Gemeinwesen, wohl wenig geeignet seien zur Durchführung eines derart idealen unter- nehmens, muss damit begegnet werden, dass jetzt oder nie die Zeit ist, in der das Hönnetal noch vor der Zerstörung gerettet werden kann, weil die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke mit dem völligen Abbruch der Verhandlungen und dem Abbau der Felskulisse drohen, wenn das Unternehmen nicht bis zum 1. April 1920 in seinen wesentlichen Punkten  zur Durchführung gelangt ist.   

Die nachkommenden Geschlechter werden mit Dank und Bewunderung ihrer Väter und Vorfahren gedenken, die nach dem großen nationalen Unglück,  in der Zeit schwerster wirtschaftlicher Not durch eine solch edle Tat ihre heiße Liebe zur Heimat bezeugt haben.  

                                                                                Landrat Dr. Haslinde