100 Jahre Schutzaktion & Hönnetalschutzweg

Schutzaktion 1919/1920 und "Hönnetalschutzweg" 1934

"Mit seinen vielen prähistorischen Höhlen, als jahrhundertelanges Grenzgebiet zwischen Kurköln und der Grafschaft Mark, wie auch als Denkmal der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus, hat das Hönnetal eine besondere kulturhistorische Bedeutung in Deutschland. Gegensätzlichste Nutzungsinteressen – wirtschaftliche Nutzung, Nutzung als naturschonender vs. naturbelastender Verkehrsraum, Schutz von Flora und Fauna, Freizeitnutzung (Klettern, Wandern, Radfahren) und touristische Erschließung – prallen im Hönnetal in exemplarischer Weise aufeinander" (Wikipedia "Hönnetal").

Bereits vor dem 1. Weltkrieg war das Hönnetal eine bekannte touristische Region und wurde von Wanderern intensiv besucht.

Zugleich war es in hohem Maße gefährdet: Es waren Pläne bekannt, das Hönnetal vollständig industriell zu verwerten. Nach den Plänen des Eigentümers Rheinisch-Westfälische Kalkwerke sollte es in großen Teilen dem Kalkabbau weichen. Unterhalb Klusenstein war mitten im Hönnetal ein weiteres Kalkwerk mit Kalkringöfen geplant, vergleichbar mit Oberrödinghausen.

In den Jahren 1912/1913 regte sich dagegen Widerstand, von vielen Bürgern getragen und von einer breiten Presseresonanz begleitet. Durch den 1. Weltkrieg wurden sämtliche Aktivitäten unterbrochen. Das Thema war aber gesetzt.

Trotz der schweren Belastungen nach dem verlorenen Krieg wurden die Aktivitäten um das Hönnetal nach 1918 von beiden Seiten wieder aufgenommen und von vielen Bürgern und einer breiten Öffentlichkeit getragen. Die Regierung in Arnsberg strebte die Erhaltung einer "kulissenartigen Felswand" an, die käuflich erworben werden sollte. Seitens der RWK wurden Ultimaten gestellt. Mit einer Entscheidung des Kreistages vom 29. September 2019 wurden 25.000 Mark für den Zweck des Grunderwerbs zur Verfügung gestellt. Dies brachte offenbar den Wendepunkt. Eine Fläche von insgesamt 23,5 ha musste zu einem Preis von 325.000 Mark gesichert werden, wobei neben Spendenaufrufen auch eine Lotterie geplant war, die einen großen Teil der benötigten Summe abdecken sollte. 

Im Jahr 1920 konnte die Felskulisse grundbuchlich gesichert werden, und war damit "auf alle Zeiten" geschützt. Diese Aktion kann als ein frühes Vorbild praktizierten Natur- und Landschaftsschutzes in Deutschland gelten.

Inschrift im Hönnetal

Zur Erinnerung und dauerhaften Dokumentation wurde bei Klusenstein an der Straße diese Eisentafel im Fels angebracht, die infolge der Führung der B515 heute schwer zugänglich ist, und zudem sehr verwittert. Ohne die kulturhistorische Großtat der Rettung des Hönnetals vor der Kalkindustrie - und die spätere Verhinderung der Sprengung der Balver Höhle, unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg - wäre Tourismus im Balver Land heute kaum möglich.

Der Arnsberger Landrat Dr. Haslinde, selbst ab 1919 führend bei der Rettungsaktion, hat im "Balver Buch" von 1930 einen Rückblick auf die "Schutzaktion" gegeben:
Wenn Jahr für Jahr Tausende das Hönnetal - von Neheim oder Iserlohn, Balve oder Menden aus - durchwandern, und sich an der Romantik dieses Tales, eines der schönsten und eigenartigsten unserer Heimatprovinz, erfreuen, so kündet ihnen eine Gedenktafel an einem mächtigen Felsblock, dem Bahnhof Klusenstein gegenüber, dass es vieler Mühen und Kosten, dass es einer Tat bedurfte, um dieses Tal vor der herandringenden Kalkindustrie zu retten und in seiner Naturschönheit für alle Zeit zu erhalten...

Nachfolgend eine Dokumentation der Aktion anhand der historischen Veröffentlichungen (Quelle: Stadtarchiv Balve).

Zum Schutze des Hönnetals 

Westf. Telegraph (Menden) 1913,
Abdruck: Sauerländischer Gebirgsbote

Der "Westf. Telegraph" (Menden) schreibt 1913: Zum Schutze des Hönnetals.
Durch die vielen rastlosen Bemühungen unseres Herrn Bürgermeisters kommt endlich etwas Bewegung in die Hönnetalangelegenheit, da am kommenden Montag derzeitige Vorstand der Westfälischen Kommission für Heimatschutz Herr Dipl.-Ing. Sonnen aus Münster und Herr Baron von Kerkerin-Borg hier eintreffen werden, um unter Führung des Herrn Bürgermeisters Dr. Overhues eine Besichtigung der gefährdeten Teile des Hönnetals vorzunehmen. Wir dürfen wohl mit Recht annehmen, dass diese Herren ihren vollen Einfluss geltend machen, damit der Verheerung Einhalt geboten wird...
...Ein „Naturdenkmal aller ersten Ranges“ ist auch unser Hönnetal. Wer das Glück hatte, die deutschen Lande durchwandern zu können, wird uns darin zustimmen müssen. In Westfalen nimmt das Hönnetal unstreitig den ersten Platz ein. Wir wüssten wenigstens in unserer Provinz kein Stückchen Erde, das so hervorragend geeignet wäre, Ehrfurcht vor den Naturwundern und Liebe zur Heimat zu erwecken. Darum raffe dich auf, "Land zwischen Rhein und Weserstrand", und schütze dein kostbarstes Kleinod. Die Stadt Menden hat bereits Einspruch erhoben, und es wäre zu wünschen, wenn noch recht viele Städte mit ihrem Protest gegen diesen "Kulturskandal" folgten. Auch der sauerländische Gebirgsverein mit seinen über 16.000 Mitgliedern wäre ganz besonders berufen, durch eine umfangreiche Agitation für das bedrohte Tal einzutreten. Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist, und jeder hat die Pflicht, mitzuhelfen. Wenn uns nicht der Fluch der Nachwelt treffen soll, müssen wir diese Schande von uns abwenden. Nichts wirkt hier vaterlandsfeindlicher als unterdrückte Kritik, handelt es sich doch nicht um die Wünsche einzelner, sondern um eine nationale Tat.


Denkschrift betreffend Schutzaktion zur Erhaltung der Schönheit des Hönnetales.

Sauerländischer Gebirgsbote 1919  

 

Arnsberg, den 25. Dezember 1919:
Denkschrift betreffend der Schutzaktion zur Erhaltung des Hönnetals. Von Landrat Dr. Haslinde.
...Nun haben aber die hohen, steilen Felswände die Kalkindustrie in das Tal gelockt, die sich dort im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte immer mehr ausgebreitet hat und das ganze Tal in ein böses Steinbruchgelände zu verwandeln droht. Die Schönheit des Tales mit seinem prächtigen geologischen Aufbau - den riesigen Steingebilden von der wunderlichsten Gestalt und Anordnung -, „seiner reichen botanischen Aufstellung und seinem eigenartigen Besitzer so vieler Denkmäler der Natur und frühester menschlicher Kultur“ (S.H. Schmedding: Burgen und Höhlen im Hönnetal) ist in ernsteste Gefahr gebracht, ja, ein Teil des Tales hat schon bedenklich gelitten. Es wurden dieserhalb im Frühjahr 1913 Zeitungsstimmen laut ("Westfälischer Telegraf", "Westfälische Volkszeitung", "Kunstwart"), die hierüber lebhafte Klage erhoben und es unter anderen nicht nur als ein „Verbrechen an der Natur", sondern als einen "Hohn auf den deutschen Heimatschutz“ bezeichneten, wenn das Hönnetal der Industrie zum Opfer fallen sollte. Es wurde dabei auf die zur Erhaltung des Siebengebirges durchgeführte Schutzaktion hingewiesen...

...Die nachkommenden Geschlechter werden mit Dank und Bewunderung ihrer Väter und Vorfahren gedenken, die nach dem großen nationalen Unglück, in der Zeit schwerster wirtschaftlicher Not durch eine solch edle Tat ihre heiße Liebe zur Heimat bezeugt haben. 


Planung Hönnetalschutzweg 1933/34 

1933 wurde aufgrund des zunehmenden Kraftverkehrs im Hönnetal ein Fußweg entlang der Hönne geplant, nachdem es erneut zu Ansprüchen der Kalkindustrie gekommen war, die im Interesse der Erhaltung des Hönnetals abgewehrt werden mussten (Beckumer Schule etc.).

Der Fußweg führte von Sanssouci über Volkringhausen linksseitig der Hönne und überquerte in Binolen auf Höhe der Reckenhöhle die Hönne. Von dort führte er hinter Haus Recke steil aufwärts und weiter entlang der Felskulisse bis zum Abzweig nach Eisborn, mit wunderschönen Ausblicken in das Tal, zu den sieben Jungfrauen und der Burg Klusenstein. Dieser Blickwinkel war in vielen Stichen des 19. Jahrhunderts dargestellt und verkörperte das Bild des "romantischen" Hönnetals. 

In einem Schreiben des Kreisausschusses des Kreises Arnsberg vom 04. Mai 1934 an den SGV heißt es: "Der Ausbau des Hönnetalfußweges ist ... fast fertiggestellt. Die bei der Reckenhöhle über die Hönne anzulegende Holz-Fußgängerbrücke wird in der nächsten Woche errichtet. Die Arbeiten werden als Notstandsmaßnahme durchgeführt. ... Schon jetzt ist festzustellen, dass der im Bau befindliche Fußgängerweg ein besonders schöner Wanderweg werden wird, so dass für die Fußgänger des Hönnetales dadurch vollwertiger Ersatz für die vom Kraftwagenverkehr in Anspruch genommene Hönnetalstraße gegeben wird".

Bei der Eröffnungsfeier 1934 im Haus Recke berichtete die Zeitung: "Im Restaurant zur Reckenhöhle hatte der SGV für einen festlich geschmückten Kaffeetisch im Freien mit selbstgebackenen Bauernstuten, Eiserkuchen und den sonstigen Spezialitäten des Hauses gesorgt. Herr Dr. Schneider hieß die Gäste herzlich willkommen. Er betonte, dass durch die Aufhebung der Autosperre im Hönnetal ein solcher Wandererschutzweg unbedingt nötig geworden sei. Nachdem er dieses schöne Fleckchen der Industrie entrissen habe, sei es Pflicht gewesen, es im Interesse der vielen Besucher des romantischen Hönnetals auch den Automobilen zu entwinden. Indem er die Hoffnung aussprach, dass in Zukunft noch viele solcher Wege geschaffen würden, übergab er ihn der Öffentlichkeit. Frisch auf!"